Das Empowermentprojekt als Best Practice Beispiel

Ein Interview des Sozialus-Magazins mit unserer Mitarbeiterin Anke Strube

Best Practice
Empowerment für die muslimische Wohlfahrtspflege

Braucht das Land einen muslimischen Wohlfahrtsverband? Die anhaltende Diskussion hat bereits Fakten geschaffen: Das Bundesfamilienministerium setzte 2017 mit dem Projekt „Empowerment zur Wohlfahrtspflege mit den Verbänden der Deutschen Islamkonferenz“ ein wichtiges Signal. Zusammen mit der Freien Wohlfahrtspflege und staatlichen Einrichtungen treibt es die Professionalisierung einer
religions- und kultursensiblen Wohlfahrtsarbeit voran. Welche Veränderungen auf das deutsche Wohlfahrtssystem zukommen, erklärt Anke Strube im Interview. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V. (ISS) in Frankfurt am Main begleitet das Projekt.

»Frau Strube, welchen Nutzen hätte ein islamischer Wohlfahrtsverband speziell für Muslime in Deutschland?«

Anke Strube: Viele der hierzulande rund 5,5 Millionen Muslime und Musliminnen haben – ebenso wie Angehörige anderer Religionen – einen Bedarf an religions- und kultursensiblen sozialen Angeboten.
Gleichzeitig sind diese Menschen in der Inanspruchnahme und Erbringung bestehender Wohlfahrtsangebote unterrepräsentiert. Großer Handlungsbedarf besteht vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Altenhilfe, Seniorenarbeit und Arbeit mit behinderten Menschen. Damit gesellschaftliche Vielfalt und unterschiedliche Interessen im Wohlfahrtssystem vertreten werden können, bedarf es der Trägervielfalt.

»Reicht die Sozialarbeit muslimischer Gemeinden nicht aus?«

In der Vergangenheit entstanden vielfältige Selbsthilfestrukturen. So sind die Moscheevereine oft über das religiöse Leben hinaus wichtige gemeinschaftsstiftende Anlaufstellen und halten soziale Angebote vor. Letztere müssen qualifiziert und professionalisiert werden, da sie den Bedarf längst nicht abdecken und den komplexen Herausforderungen Sozialer Arbeit in der Migrationsgesellschaft nicht gerecht werden.

»Es geht also nicht nur um Kinderbetreuung und Altenpflege ...«

Die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege geben den Maßstab vor: So wie sie über ihre konkrete soziale Arbeit hinaus wichtige Ansprechpartner für die Politik sind, sollte auch die Beteiligung der
muslimischen Wohlfahrt strukturelle Teilhabe ermöglichen. Gefragt ist nicht nur ein Mitmachen, sondern auch ein Mitgestalten.

»Wo hakte es bislang beim Aufbau der muslimischen Wohlfahrtspflege?«

Das Thema erfährt erst seit einigen Jahren politische Aufmerksamkeit, seit der Deutschen Islam Konferenz 2014 – 2017. Deutschland hat sich lange nicht als Einwanderungsland verstanden. Hinzu kommt, dass der Islam in der öffentlichen Wahrnehmung oft noch als eine Ausländerreligion gesehen wird. Es bestehen also noch viele Herausforderungen sowie fachliche und organisationale Fragen. Seitens der muslimischen Träger gilt es, religiöse und soziale Dienste organisatorisch zu trennen, wie es der Logik des Wohlfahrtssystems entspricht.

»Wie ist das Verhältnis zu den etablierten Trägern der Wohlfahrtspflege?«

Tatsächlich geht es darum, das Verhältnis auszuloten und zu einer gleichberechtigten Kooperation zu kommen. Voraussetzung ist die Anerkennung der mittlerweile entwickelten Kompetenzen der neuen Partner*innen. Längerfristig sind öffentliche und freie Träger sowie die Politik gefordert, muslimische Träger an der Mitgestaltung der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen zu beteiligen – den Kuchen also gemeinsam neu zu verteilen.

»Die Freie Wohlfahrtspflege mit ihren sechs Spitzenverbänden ist konzeptionell eng mit der Herausbildung des modernen Wohlfahrtsstaats verbunden. Inwiefern spiegelt die aktuelle Diskussion auch den soziokulturellen Wandel in unserer Gesellschaft?«

Letztendlich verdeutlicht der Diskurs um muslimische Wohlfahrt blinde Flecken im Wohlfahrtssystem und spricht zentrale Fragen der Gestaltung einer pluralen Gesellschaft an. So etwa die Frage, ob das Wohlfahrtssystem in seiner jetzigen Form tatsächlich den Anforderungen an eine vielgestaltige Gesellschaft entspricht oder ob es weiterentwickelt werden sollte.

»Wenn Sie eine kurze Bilanz ziehen: Was wurde bisher erreicht?«

Durch das oben genannte Empowermentprojekt konnten zentrale Entwicklungen angestoßen werden. Das betrifft vor allem die Kooperation muslimischer Verbände auf fachlicher Ebene jenseits unterschiedlicher theologischer Richtungen. Als Erfolg kann auch die Erweiterung zentraler Netzwerke in der muslimischen Community und zusammen mit weiteren Akteuren gewertet werden.

»Wie geht es jetzt weiter?«

Die Selbstorganisationsprozesse der muslimischen Verbände sind weiterzuführen und das Netzwerk im Empowermentprojekt ist unbedingt zu erweitern: Die muslimische Wohlfahrt wird vielfältiger, weshalb es längst nicht nur Moscheevereine und religiöse Verbände sind, die sich vor Ort einbringen. Noch manche gesellschaftliche Hürde tut sich auf, etwa antimuslimische Vorbehalte, Extremismusunterstellungen und die fehlende Anerkennung von Muslim*innen in Deutschland. Dennoch ist die soziokulturelle muslimische Landschaft stark gewachsen. Entsprechend sollten weitere Akteure und gegebenenfalls auch säkulare Migrantenorganisationen einbezogen werden.

(Quelle: Bank für Sozialwirtschaft, Sozialus 2/2022)

Hier auch die Originalausgabe als PDF zum herunterladen: